Geschichte » Mittelalter » MA: Adelige-Ritter

Lehnsherr - Lehensmann


Ein aufregender Tag

Alles auf Burg Oberberg ist bereit für den grossen Empfang. Am heutigen Tag wird König Heinrich erwartet. Mit viel Gefolge toll er am Nachmittag auf die Burg kommen. Er ist auf einer Reise durch das Königreich. Die treue Amtsführung der Lehensleute muss kontrolliert und das Hohe Gericht ausgeübt werden. Nur der König oder sein Stellvertreter dürfen Todesstrafen aussprechen. Das Niedere Gericht, das Schlichten von edeln, Diebereien, Betrügereien und GeIdstreitigkeiten, ist Aufgabe der Lehensleute, also der Ritter. Rudolf ist ganz aufgeregt. Heute ist seine Bewährungsprobe als Knappe. Ein halbes Jahr hat er seinem neuen Herrn schon gedient. In dieser Zeit hat er viel gelernt. Jetzt soll er den König sehen, ihn zusammen mit Ritter Konrad begrüssen. "Sie kommen! " ruft der Ausguck vom Bergfried. In der Ferne steigt Staub von der Landstrasse auf. Noch sind, Reiter und Pferde und auch der Wagen des Königs winzige Punkte. Aber schnell kommen sie näher. Prächtig ist der königliche Tross anzuschauen, der über die Zugbrücke in den Burghof reitet. Voran einige Landsknechte. Dahinter mehrere Ritter, Angehörige des niederen Adels. Ihnen folgt der königliche Wagen, bespannt mit vier Apfelschimmeln. Neben dem Wagen schreiten zwei Mönche. Der Wagen hält, ein Landsknecht öffniet die Tür. König Heinrich steigt über eine bereitgestellte Holzstufe aus. Ihm folgt ein Mann mit einem langen Bart. "Das ist der Bischof von Kronstadt!", flüstert Albert Konrad ins Ohr. Er gehört wie der König zum hohen Adel. Hinter dem Wagen wartet weiteres Gefolge.
An der Seite des Burgherrn warten sein Knappe und sein Sohn sowie einige Freie aus der Umgebung der Burg. Sie begrüssen den König mit ehrerbietigen Verneigungen. "Seid willkommen!" sagt Ritter Konrad. "Mein Haus ist Euer Haus." - "Ich danke für die Gastfreundschaft", erwidert der König. "Mein Land ist Dein Land." Im Hintergrund stehen das Gesinde Knechte und Mägde - und einige Leibeigene, die an diesem grossen Tag auf der Burg helfen müssen. Sie freuen sich schon auf die Überreste des königlichen Mahls, das sie in der Küche im Wirtschaftsgebäude zubereiten helfen. Als Dank für ihre Arbeit dürfen sie von den Resten schmausen. Aufgeregt tuscheln sie miteinander und betrachten neugierig die Ankömmlinge.


Am Abend ist das grosse Festessen im Rittersaal, dem grössten Raum im Palas. Viele Kerzen erhellen den sonst düsteren Raum. Nur bei wichtigen Anlässen werden die teuren Wachslichter angezündet. Einige Männer tragen Holzböcke, Tischglatten und Bänke in den Raum. Spielleute dem fernen Frankenreich musizieren auf ihren Instrumenten und singen dazu. Ein Jongleur zeigt einige Kunststücke mit Hanteln und Bällen, und ein Zigeuner lässt einen Braunbären Kunststücke vorführen. Als Ritter Konrad hörte, dass die Spielleute gerade in der Gegend weilten, hat er sie kurzerhand auf die Burg gebeten. Nun erfreuen sie die Gäste mit Musik, Spässen und allerlei Darbietungen.
Das Essen wird hereingetragen. Auf eine Suppe mit Fleischklössen folgt eine gekochte Forelle an scharfer Sauce. Gebratener Fasan mit heissen Pflaumen bildet den nächsten Gang. Immer wieder werden neue Speisen aufgetragen. Die hohen Gäste essen aus Silbergeschirr. Mit Löffeln wird die Suppe gegessen. Mit Messern schneidet man das Fleisch, spiesst es auf und führt es auch mit dem Messer zum Mund. Der Gastgeber und seine Begleiter essen aus einfacherem, irdenem und hölzernem Geschirr.
Schäumender junger Wein wird aus glasierten Tonbechern getrunken. Nur der König und Ritter Konrad geniessen ihn aus einem Zinnbecher.
Plötzlich erhebt sich der König. Alles schweigt und sieht ihn an. Der königliche Knappe reicht ihm eine Lederrolle. Ihr entnimmt der König ein gesiegeltes Schriftstück. Dann liest er vor. "Ich, Heinrich, von Gottes Gnaden, König, gewähre Dir, Ritter Konrad, das Recht der Freiheit. Die Bande der Unfreiheit sei von Dir genommen, Durch Deine Treue und Deinen Fleiss hast du Dir die Freiheit redlich verdient. Vom heutigen Tag an bist Du nicht mehr mein höriger Dienstmann, sondern ein freier Ritter auf eigenem Land. Das Lehen, das ich Dir gab sei Dir zum Geschenk gemacht als Dank für Deine Mühen. Unterzeichnet und gesiegelt: König Heinrich, im Jahr des Herrn 1061.»
Ein Freudengeschrei erhebt sich unter den Oberbergern. Sie fallen sich in die Arme, springen zu Ritter Konrad, gratulieren ihm und hätten beinahe verhindert, dass der König ihm den Freibrief reichen kann. Die Augen von Rudolf glänzen. Nun ist er der Knappe eines freien Ritters! Welch Glück! Was für ein Tag! Erst spät in der Nacht sinkt er in tiefe Träume. Ritter Konrad hat ihn gelobt! Auch er hat seine Arbeit am heutigen Tag gut gemacht.