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Turniere (ausführlich)


Der 12. August des Jahres 1127 war ein denkwürdiger Tag. Nicht etwa, dass ein Herrscher gekrönt, in einer Schlacht ein Sieg errungen wurde, nein, viel unbedeutender, aber doch wichtig genug: An diesem, Tag wurde vor den Mauern der alten fränkischen Bischofsstadt Würzburg das erste Turnier auf deutschem Boden abgehalten. Die staufischen Herzöge Friedrich und Konrad veranstalteten dieses neuartige Ritterspiel aus Trotz gegen Kaiser Lothar, den sie in der Stadt belagerten. Wahrscheinlich hat keiner der Teilnehmer geahnt, welch grosser Beliebtheit sich dieses Kampfspiel in den nächsten Jahrhunderten noch erfreute.
Dichter besangen die Turniere, Maler bildeten immer wieder Kampfszenen ab. Auf der anderen Seite steht das strenge Wort der Kirche von den "verabscheuenswerten Handlungen", steht die Tatsache, dass drei Konzilien 1139, 1179 und 1103 die ritterlichen Turniere verwarfen, den Geistlichen jede Beteiligung verboten und den dabei Verunglückten das christliche Begräbnis verweigerten.
Doch nicht alles, was wie ein Ritterkampf aussah, war auch wirklich ein Turnier. Vielfach wird in Geschichts- und Geschichtenbüchern der Ausdruck entweder zu grosszügig oder zu verschwommen verwendet.
Als Krone aller Waffenspiele aber galt das Turnier selbst. Hier kommt der Name aus dem Lateinischen und leitet sich von tornus, Drehscheibe, ab. Im Turnier traf eine grössere Zahl Ritter sich zum harten Kampf, wie er bei der Tjost üblich war. Ein Turnier diente aber nicht nur zum Beweis ritterlicher Geschicklichkeit, es war zugleich Abbild einer wirklichen Reiterschlacht, Übung für den Ernstfall. Wenn wir hören, dass an einem Turnier bis zu viertausend Ritter teilnahmen, dann können wir uns leicht vorstellen, welche Bedeutung so einem Kampf zukam und weich grosse Vorbereitungen er erforderte. Wir sind über die Zahl der wirklichen Turniere nicht genau informiert, dürfen aber wohl sagen, dass es entgegen früherer Meinung nicht, allzu viele gewesen sein mögen. Häufig werden nämlich Buhurte und Tjosten fälschlicherweise mit Tunieren gleichgesetzt.


Die Veranstalter wählten einen günstigen Termin schon auf lange Sicht, damit die Nachricht auch in die entlegensten Gebiete dringen konnte. Sie vereinbarten den Ort, die Zahl der Kämpfer und die Höhe des Lösegeldes für die Gefangenen. Dann aber begann das grosse Rüsten und Putzen. Die Ritter suchten ihre besten Rüstungen und Waffen heraus, die Damen ihre schönsten Kleider, denn ein Turnier begeisterte nicht nur die Kämpfer, sondern ebenso die Zuschauer. Man konnte leicht alte Bekannte treffen, neue Freundschaften schliessen, ja selbst zur Brautschau nutzte man das Turnier, sah doch mancher besorgter Vater, ob der künftige Eidam auch tapfer und geschickt genug war, seine Burg zu verteidigen und es mit seinem Gegner aufzunehmen.

An sich gab es bei einem Turnier nicht viel zu gewinnen, denn die ausgesetzten Preise hatten höchstens einen symbolischen Wert, wie beispielsweise einen Jagdfalken oder ein paar Windhunde. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass der glückliche Sieger von allen geehrt und bewundert wurde. Ausserdem konnten die Kämpfer ja auch Gefangene machen, die sie ihrem Rang entsprechend auslösen mussten. Da liess sich mancher gute Fang machen, denn auch Ross und Rüstung fielen dem Sieger zu. Es gab genug Ritter, die durch ein Turnier reich wurden oder solche, die an den Bettelstab gerieten. Für vornehme Herrenziemte es sich allerdings grosszügig zu sein und arme Teufel, die sie besiegt hatten, wieder laufen zu lassen. Aber bis es einmal so weit war, dass Gefangene ausgelöst und Sieger erkoren werden konnten, musste erst mancher harte Strauss ausgefochten werden. Gewöhnlich warteten die kampfbegeisterten Ritter gar nicht erst bis zum eigentlichen Turniertag, sondern massen zuvor schon in der Tjost ihre Kräfte.


Der eigentliche Turniertag begann oft mit einer feierlichen Messe, aber nicht immer, denn wir hörten schon, dass die Kirche den Turnieren ablehnend gegenüberstand. Dann teilten die Kampfrichter die Teilnehmer in zwei gleich grosse und möglichst gleichstarke Parteien, Freunde und Landsleute gesellten sich dabei nach Möglichkeit zusammen, jede Schar wählte einen Anführer, und dann riefen die Ordner "nun wappnet euch, ihr Ritterwappnet euch, seid hochgemut." Mancher Ritter mochte da sicherheitshalber ein paar Pölsterchen untergelegt haben, so wie er sich auch rüstete, als ginge es zu einer echte Feldschlacht. Es gab nur einen Unterschied: Die Waffen, Speer und Schwert, waren stumpf. Unter den Klängen der Musik zogen die Teilnehmer dann auf das Turnierfeld und ordneten sich in keilförmig aufgestellte Treffen. Nun war endlich der grosse Augenblick gekommen. Die Reiter legten die Lanzen ein, gaben den Pferden die Sporen, Trompeten erklangen, Trommeln wirbelten, die Knappen schrien :"Vorwärts, dringt. vorwärts, Ritter!" Die Menge der Zuschauer rief begeistert mit, ebenso die Ritter selbst, und die Scharen ritten geschlossen gegeneinander an. Schon krachten die ersten Speere, fielen die ersten Reiter aus dem Sattel, in den Jubel mischten sich die ersten Schmerzensschreie. War es einer Schar gelungen, die Front der anderen zu durchbrechen, trat für eine Weile Ruhe ein. Während sich die Fronten zu neuem Anritt ordneten, räumten Knappen und Knechte die gebrochenen Lanzen fort, führten Gefangene weg und trugen Verwundete hinaus. Dann aber setzte der Kampf von neuem ein. So ging es fort, den ganzen Tag ohne längere Unterbrechung. Manchmal verliess ein Ritter den Platz, zog sich in den Schatten eines Baumes zurück und setzte den Helm, ab. Hatte er sich ein paar Augenblicke verschnauft, stürzte er sich mit neuer Energie in das Kampfgetümmel. Wer aber wollte in diesem Getümmel noch Einzelheiten erkennen und beschreiben? Bald rannten zwei Ritter wie bei einer Tjost gegeneinander, bald kämpfte die ganze Schar, dann wieder lösten sich kleine Gruppen. Dort ritt einer dem Freund zu Hilfe, der arg bedrängt wurde, andere wiederum versuchten, nicht nur durch den Stoss mit der Lanze, sondern auch durch Anreiten oder Vorbeistreifen den Gegner zu Fall zu bringen.


Oft dauerte das Turnier nicht nur einen sondern mehrere Tage. Wenn aber das Trompetensignal der Herolde ertönte, das den Schluss des Kampfes anzeigte, hörten Rennen und Waffenlärm sogleich auf. Nun kürten die edlen Frauen den tapfersten Ritter zum Sieger.

Unter dem Begriff "Turnier" versteht man heute allgemein die verschiedenen Kampfspiele des Mittelalters. Diese Kampfspiele sind allerdings keine Erfindung des Mittelalters, aber sie führten in dieser Zeit zu kulturellen und gesellschaftlichen Höhepunkten.