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Arme Ritter-reiche Städte


Die letzten Tage von Wertenstein

"Karl, du bist nun Herr auf Wertenstein. Sei gerecht zu deinen Untertanen, dann werden sie dich ehren!" Ritter Karl hört noch die Stimme seines Vaters, als er vor vielen Jahren beim Totenbett zu ihm getreten war und seinen Segen erhalten hatte. Der Wertensteiner denkt zurück an all die Jahre, die verflossen sind.

Am Anfang ging alles gut. Gute Ernten und hohe Zolleinnahmen mehrten seinen Reichtum. Doch dann wurde er leichtsinnig, lebte in Saus und Braus. Er verprasste seine Einkünfte. Bald einmal waren die Ausgaben grösser als die Einnahmen. Er erhöhte Steuern und Zölle. Das Volk litt unter dem Druck der Abgaben. Die Händler aus den Städten mieden die teuren Strassen und Brücken im Land des Wertensteiners. Die Einnahmen gingen noch mehr zurück. Doch auf rauschende Feste und einen prunkvollen Hof wollte Karl nicht verzichten. Wenn die städtischen Händler nicht mehr kamen, wollte er sie schon zu sich holen!

Er zog mit seinen Mannen aus und begann, Handelszüge zu überfallen. Anfänglich klappte alles bestens. Doch wurden seine Soldaten zusehends ein wilder Haufen. Zwielichtige Gestalten gesellten sich zu ihnen. Ein richtiger Räuberhaufen lag da auf der Lauer nach Beute! Die Städte sahen nicht untätig zu. Sie verstärkten den Schutz ihrer Kaufmannszüge. Als das nichts nützte, beschloss der Rat von Krongsberg, das Räubernest auszuräuchern.

Karl nimmt den Fehdebrief zur Hand, den die Stadträte ihm gesandt hatten:
"Wir, Räte und Bürger von, Kronsberg, erklären Euch, Ritter Karl von Wertenstein, als ehr- und rechtlos, als vogelfrei. Jeder Bürger der Stadt hat das Recht, Euch zu töten. Jeder, der Euch hilft, Unterkunft oder Nahrung gibt, wird mit Strafe bedroht.Beschlossen zu Kronsberg den 7. Brachmonat, im Jahre des Herrn 1123.
Unterzeichnet und gesiegelt, Walter von Hohenstein, Schultheiss.
"
Nun sind sie draussen, die Städter, und belagerten seine Burg. Karl weiss: er würde es lange aushalten können. Obwohl ihn die meisten seiner Räuberkumpane verlassen hatten, als das städtische Heer heranzog, kann er mit wenigen Getreuen die wehrhafte Burg verteidigen. Doch irgendwann geht den Burgbewohnern die Nahrung aus, und dann ist alles zu Ende.
Heute hatten ihm die Städter einen Vergleich angeboten. Er und seine Leute dürfen unbehelligt abziehen, wenn sie die Burg den Belagerern überlassen. "Ihr seid für immer von hier verbannt. Eure Leibeigenen werden Hörige der Stadt, die Freien Stadtbürger!", hatte der Unterhändler gesagt. Ritter Karl denkt an die Worte seines sterbenden Vaters. Hätte er seinem Rat doch gefolgt! Wäre er bescheiden und gerecht geblieben! Seine Untertanen hätten zu ihm gehalten. Er hätte nie Streit mit den Städten bekommen.

"Aber jetzt ist es zu spät", sagt er leise zu sich. "Ich kann mein Leben und das meiner Männer retten, wenn ich nachgebe. Und meinen Untertanen wird es wieder besser gehen, so, wie es mein Vater gewünscht hat." Er greift zur Feder und taucht sie in die Galläpfeltinte. Langsam und bedächtig setzt er unter den Vergleich, den ihm der ,Unterhändler gebracht hat, seine Unterschrift. Dann entzündet er Siegellack und siegelt den Vertrag mit seinem Siegel.
"Nun bist du städtisches Land, leb wohl!" sagt er wehmütig und blickt aus dem Fenster. Er reicht das Pergament einem Soldaten und schickt ihn weg. "Bringe diesen Brief zum Lager der Städter. Sie werden dich unbehelligt wieder ziehen lassen. Du bist frei. Du kannst ziehen, wohin du willst, und mit Dir Deine Genossen! Die Fehde ist zu Ende. Wir haben verloren."
Still dreht sich Karl um. Mit müden Schritten geht er in den Burghof und sattelt sein Pferd. Es ist das erste Mal seit seiner Knappenzeit, dass er das selber tun muss. Ein letztes Mal schweift sein Blick über die stolze Burg, die er vom Vater geerbt hat. Dann reitet er los, ohne Habe und ohne Freunde. Ab jetzt ist er nur noch ein fahrender Ritter, wie einst der Minnesänger im harten Winter, als Karl noch ein Knabe war.