Geschichte » Mittelalter

Strafen


Die gedeihliche Entwicklung der mittelalterlichen Stadt beruhte auf dem. Zusammenwirken aller Kräfte in Frieden, Ordnung und Gerechtigkeit. Ein einheitliches Recht wie die hochentwickelte römische Rechtsprechung gab es damals nicht. Die Städte des süddeutschen Raumes und der Schweiz beriefen sich vor allem auf die 1275 entstandene Gesetzessammlung des "Schwabenspiegels". Man unterschied zwischen weltlichen und geistlichen Gerichten, zwischen dem Hohen Gericht für Verbrechen und dem Niederen Gericht für Vergehen. Die Durchsetzung des Rechts lag vorerst beim Landesherrn, dann bei den ratsfähigen Familien. Nur in wenigen Städten mit Zunftverfassungen konnte sich auf Zeit eine mehr oder weniger demokratische Rechtsprechung entwickeln.
Das städtische Leben war durch Vorschriften des Rates bis in die Einzelheiten geregelt: für Markt und Handel, Löhne und Preise, Feste und Feiern, Mode und Kleidung, ja sogar für Essen und Trinken der Bürger. Weh dem, der die Ordnungen durchbrach! Die Strafen waren gnadenlos und hart. Das Niedere Gericht entschied auf Bussen, Schand? und Ehrenstrafen, Körperstrafen, Blendung, Verstümmelung und Verbannung. Mit dem Hochgericht übergab man den Verbrecher den Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft und glaubte durch Verbrennen, Sieden, Schwemmen, Schleifen, Lebendigbegraben, Rädern, Vierteilen, Enthaupten und Erhängen das Unrecht zu, sühnen. Eine vorgängige Foltergehörte meist zur Prozedur. Die Hinrichtungen waren öffentlich und sollten abschreckend wirken.
Kamen die Richter zu keinem Spruch, so sollte ein sogenanntes "Gottesurteil" ihnen die Entscheidung abnehmen, ein Vorgehen, das der Gesetzesbrecher vielleicht zufällig überstehen konnte.
aus Hans Stricker "Unsere Stadt St.Gallen" (Schulverwaltung der Stadt St.Gallen, 1970)
Am Pranger

Maria Näf muss ein lasterhaftes Frauenzimmer gewesen sein: Sie fluchte ärger als der Fuhrmann in der Mülenen, stahl der Meisterin Leinwand aus der Truhe und trank ihren Wein im Keller, kurz, sie belog und betrog nach Strich und Faden. Wie sie sich wieder einmal mit einem feinen St.Galler Linnen aus der Kammer schleichen wollte, lief sie der Meisterin geradewegs in die Arme. Am Nachmittag erschien der Stadtknecht in seinem schwarzweiss geteilten Rock und befahl barsch: "Vorwärts mit dir, zum Rathaus!" Alles Fauchen, Kratzen und Beissen half nichts, sie musste ins Ratzenstübli. "Wildkatze, besinn dich gut, was Wahrheit ist!" knurrte der Knecht und stiess den Riegel hart ins Schloss.

Wie der Richter vor ihr stand und sie auf Ehr und Gewissen fragte, ob es wahr sei, dass sie der Meisterin Linnen gestohlen, schwur sie hoch und heilig, sie habe ihrer Lebtage nie Unrechtes getan und alles sei böse Verleumdung, und es nähme sie nicht wunder, wenn der leibhaftige Gottseibeiuns die Meisterin, das Lügenmaul, beim nächsten Vollmond abholen komme usw., usw. Derweil sie noch redete, erschien der Stadtknecht wieder, diesmal mit einem Bündel Leinentuch und einem Zinnbecher: "Das habe ich unter dem Laubsack der Näfin gefunden. S'ist Meisters Gut!" Also ward Maria Näf schuldig befunden des Betruges, Fluchens und falschen Schwörens und verurteilt, öffentlich Abbitte zu tun und bis zum Vesperläuten am Pranger zu stehen. Das Rathausglöcklein bimmelte. Aus allen Gassen lief alt und jung zusammen. Der Ratsherr und Richter Werder trat vor die versammelte Menge, ihm folgten der Nachrichter Jakob in kurzer Joppe und die Diebin Maria Näf. Der Ratsschreiber verlas das Urteil. Die harte Faust Meister Jakobs zwang die Frau auf die Knie: "Sollst abbitten, aber laut!"


Also begann sie, von den Püffen des Scharfrichters immer wieder zum Lauterrufen gezwungen, zu bekennen und zu bitten: "Ich, Maria Näfin, bekenne hiermit, reumütig auf meinen Knien liegend, vor einer wohlweisen Obrigkeit als Gottes Statthalterin, dass ich mit meinen gottvergessenen und ruchlosen Schelmereien, Lügen und Verleumdungen mich schwer gegen meine Meisterin, voraus aber gegen den lieben Gott und meine gnädigen Herren, versündigt habe, und bitte daher Gott, Euer ewigen Gnaden Obrigkeit und meine ehrenwerte Meisterin demütig um Verzeihung. Mit innigster Reue meines Herzens verabscheue ich mein Verbrechen und wünschte, solches nicht begangen zu haben. Ich werde mich inskünftig vor allen Schelmereien und Lästereien hüten und mich gegen jedermann so aufführen, dass männiglich ein Wohlgefallen daran haben wird. Gott gebe mir Gnade dazu!"

Nun stülpte ein Stadtknecht der Missetäterin einen zerbrochenen Weinkrug über den Kopf, nähte ihr mit ein paar groben Stichen einen dreckigen Leinwandlumpen an die linke und einen Henkerstrick an die rechte Achsel, hängte ihr ein Täfelchen über den Rücken und schrieb in ungelenken Strichen darauf: "Ich bin eine Erzschelmin und Lügnerin." Aber noch nicht genug des Schimpfes: Er hängte ihr gar den schweren "Lasterstein", auf dem eine Fratze gemalt war, um den Hals, hieb ihr mit dem Rinderzäch eins über und trieb sie so dreimal die Marktgasse hinauf und hinunter. Endlich befreite er sie vom Lasterstein, führte sie an den Pfeiler des Rathauses, öffnete das Halseisen, das dort befestigt war, und zeigte ihr die scharfen Spitzen an der Innenseite des Reifes: "Bist selber schuld, wenn dich die Eisenspitzen stechen, musst eben stillhalten und dich nicht bewegen!" Der Nachrichter trat heran, stellte die Delinquentin an den Pfeiler und liess das Halseisen zuschnappen. "Pfui die Lügnerin! Pfui die Betrügerin!", "Willst einen Schluck Wein? Einen Krug hast du, ja, und den Becher hast gestohlen!" "Schau her, komm, dreh dich doch, ein feines Linnen halt ich hoch!" So schwirrten und höhnten die Stimmen durcheinander, und der ärgste Gassenbub zwickte die Gefangene gar in die Beine. Das Eisen schmerzte auf dem Leibe, die Schande brannte in der Seele. Wer feinern Herzens war, schlich bedrückt nach Hause oder in die St. Laurenzenkirche, um für die entwürdigte Menschenseele zu beten.

Also geschehen Anno Domini 1690 in der loblichen Stadt St.Gallen.