Geschichte » Mittelalter

Hungersnot


Es geschah, dass ich durch ein grosses, nun aber niedergebranntes Dorf im Vintschgau kam. An dessen Ausgang stiess ich auf zwei alte Frauen, die einen Zug von etwa vierzig Knaben und Mädchen wie eine Viehherde vor sich hertrieben. Allesamt waren durch Mangel an Nahrungsmitteln bis auf die Knochen abgemagert. Totengerippen gleich, nur dass sie eben hingetrieben wurden: ein grauenerregender Anblick! Ich fragte die Frauen, wohin sie diese bejammernswerte Schar führen wollten. Von Schrecken verwirrt und vor Schmerz und Hunger kaum imstande, den Mund aufzutun, gaben sie zur Antwort, ich werde gleich sehen, wohin es mit diesen unglücklichen Kindern gehe. Kaum hatten sie das gesagt, da waren sie auch schon auf eine Wiese gelangt, und nun stürzten sich alle knielings nieder und begannen das Kraut abzuweiden, gleich wilden Tieren. Durch Übung hatten sie schon gelernt, die Kräuter zu unterscheiden und wussten wohl, welche bitter oder geschmacklos und welche mild und schmackhaft wären. Vorzüglich suchten sie nach Sauerampfer, den sie allen übrigen Kräutern vorzogen. Vor diesem grausigen Schauspiel ergriff mich Entsetzen, und lange verharrte ich fassungslos.
Aber eine der Alten hob da wieder an zu sprechen: " Siehst du nun, wozu diese Jammerschar hierher geführt ist? Besser, sie wäre nie geboren, als dass sie nun solch notvolles, elendes Leben führen muss: Väter durchs Schwert gefallen, die Mütter, vorn Hunger dahingerafft, ihre Habe geraubt, ihre Wohnstätten verbrannt! Wir beide allein sind wegen unseres hohen Alters hier übriggeblieben, diese unglückseligen Kinder gleich Tieren zur Weide zu treiben, solange wir können, damit Sie sich durch Grasfressen am Leben erhalten. Doch hoffen Mir, dass sie bald am allem Elend erlöst worden, denn wir wem vor kurzem doppelt so viele und sind nun schon zu dieser kleinen Schar zuammengegchmolzen, weil täglich einige durch Hunger entkräftet sterben. Grösseres Glück, als das Leben zu fristen, ist jetzt ein schneller Tod. "
Bei diesem Anblick und bei diesen Worten konnte ich mich der Tränen nicht enthalten, das erbärmliche Schicksal der Menschen griff mir ans Herz, und ich verwünschte die Raserei des Krieges.
(Text nach Willibald Pirkheimer, Hauptmann im Schwabenkrieg)